Schade BlaBlaCar

Tjanun: 2013 ist Carpooling (Betreiber der Portale Mitfahrgelegenheit.de und Mitfahrzentrale.de) kräftig baden gegangen mit der Idee, dem Fahrer 11 % Gebühren zu berechnen.

Und nun, hurra! – hat also endlich BlaBlaCar ein passendes Geschäftsmodell gefunden und kommt mit dem Ansatz um die Kurve, den Mitfahrern variable Gebühren aufs Auge zu drücken: Bisher bewegt sich der Gebührensatz je nach Strecke zwischen 15 und 45 %.
Diese Idee ist grundsätzlich nicht schlecht, denn Fahrer, die (kostenfrei) Fahrten anbieten, sind für eine MFG-Plattform letztendlich wichtiger als Mitfahrer. Und natürlich muss sich BlaBlaCar auch irgendwie finanzieren.

UPDATE 10.10.2016: Inzwischen kristallisiert sich heraus, dass auch die Fahrer die Gebühren mittragen, das sie nicht mehr die Preise verlangen können, die sie vor der Umstellung bekommen haben.

Bei dieser Gelegenheit erfindet BlaBlaCar gleich noch das Rad neu:

“Wir führen die Onlinezahlung in Deutschland ein, um das Mitfahren zu verbessern.” (Quelle)

In einfachen Worten: Der Fahrer wird nicht mehr bar bezahlt, sondern der Geldfuß läuft direkt und ausschließlich über BlaBlaCar: Der Mitfahrer bezahlt also die Fahrtkosten (‘Betriebskostenbeteiligung’) plus Reservierungsgebühr online via Paypal, Kreditkarte oder Sofortüberweisung, das Geld wird geparkt und wenn der Fahrer dann von A nach B kutschiert ist, bekommt er einige Tage später die Betriebskostenbeteiligung auch ausbezahlt.

  • Sollte der Fahrer die Fahrt stornieren: Der Mitfahrer erhält Betriebskostenbeteiligung und Reservierungsgebühr zurück
  • Sollte der Mitfahrer die Fahrt stornieren: Keine Rückzahlung der Reservierungsgebühr; bis zu 24 Std. vor der Fahrt erhält er jedoch die gezahlte Betriebskostenbeteiligung zurück, danach nur 50 %.

Sinn des Ganzen:

“Vor der Onlinezahlung haben sich Fahrer oft über unzuverlässige Mitfahrer beschwert. Die Zahl der spontanen Absagen oder nicht erscheinenden Mitfahrer hat stark abgenommen.”

“Durch die Onlinezahlung ist es uns möglich, viele anderen Funktionen unserer Plattform zu verbessern, beispielsweise das Bewerten** oder das Anbieten von Teilstrecken.”

(Quelle)

Gut – ich persönlich habe kein Problem mit Onlinezahlung. Klar, viele Fahrer haben das erhaltene Bargeld gleich für die nächste Tankfüllung benutzt, was nun weg fällt, aber irgendwas is’ ja immer. Ein größerer Nachteil könnte sein, dass die Menschen, die bevorzugt aus finanziellen Gründen per MFG fahren (z.B. Schüler und Studenten), gar keine Möglichkeit zur Onlinezahlung haben und BlaBlaCar somit nicht mehr nutzen können. Aber hey, für diesen Fall wurde längst eine neue Zielgruppe ins Auge gefasst: Ärzte und Anwälte* (s. unten). Ja genau 😉

Und unzuverlässige Fahrer scheinen wohl kein Problem zu sein, denn zumindest erwarten sie keine finanziellen Restriktionen. Hm. Kann man nur hoffen, dass nicht wieder der alte Carpooling-Trick Einzug hält, die Fahrten zu stornieren, um die Gebühren für die Mitfahrer zu umgehen 😉

Noch ein neues Feature gibt es: Bei Fahrten mit Onlinezahlung und mindestens einem Mitfahrer ist automatisch ein zusätzlicher Versicherungsschutz von AXA inklusive. Das ist sehr schön, aber für die meisten Fahrten völligst unnütz, vor allem, wenn ein ADAC-Schutzbrief vorhanden ist. Wozu das Ganze? Vermutlich um das aufgebaute “Vertrauens-Netzwerk” wirtschaftlich optimal zu nützen ** (s. unten).

Ob das nun tatsächlich Verbesserungen für die Community sind oder nicht, kann ich noch nicht beurteilen, einen Mehrwert für mich sehe ich allerdings nicht. Der Grund, warum ich BlaBlaCar in nächster Zeit nicht mehr nutzen werde, ist allerdings ein anderer: Die Zensur hat Einzug gehalten, nicht nur auf der Website, sondern auch bei Facebook.

Man könnte fast annehmen, dass BlaBlaCar Angst vor Usern hat, die “die neuen Features, die sich viele Mitglieder gewünscht haben” nicht ganz so klasse finden und versuchen, das neue System zu umgehen.
Deswegen sind VOR einer verbindlichen Reservierung nur noch öffentliche Nachrichten möglich, um Details zu klären. Diese Nachrichten werden allerdings erst noch manuell freigegeben, sofern der Inhalt genehm ist. Genauso läuft es mit privaten Nachrichten.
Strengstens verboten: Der Austausch von Handynummern. Einseinsölf!!!!

Ich verstehe den Sinn dahinter natürlich, aber ich möchte auf keiner Plattform aktiv sein, die meine höchstprivaten Nachrichten liest und zensiert. Nö. Mag ich nicht!

Auch auf Facebook ist das Löschkommando mit dem immerwährenden Hinweis auf die Netiquette ungeahnt aktiv. Och Leute… niemand mag das. Niemand! Und auf die Geschichte mit den mysteriösen User-Bots gehe ich noch an anderer Stelle ein.

Vielleicht hat BlaBlaCar vor lauter innovativen Ridesharing-Gedanken aus den Augen verloren, was Fahrer und Mitfahrer wirklich wollen: Fahrt eingeben, Fahrt anschauen, per Handy Details klären, losfahren, ankommen, fertisch. Könnte doch so einfach sein!

BlaBlaCar vermittelt derzeit noch ca. 90 % aller Fahrten in Deutschland. Noch.


*BlaBlaCar-Deutschlandchef Olivier Bremer zur neuen Zielgruppe:

Es geht nicht darum, Mitfahren, so wie es derzeit existiert, weiterzuführen. Denn da sind wir an einer Grenze angekommen. Wir öffnen Ridesharing für zukünftige Nutzer, für die es in der Vergangenheit nicht in Frage kam. Diese Nutzer sind teilweise älter und teilweise weniger preissensibel. […]

Wir sehen vermehrt, dass sich Menschen fürs Mitfahren anmelden, für die es keine Preisfrage ist, etwa Ärzte oder Anwälte. Menschen, denen es auf geselliges und nachhaltiges Reisen ankommt.

> Zum Artikel: Ärger um Gebühren: BlaBlaCar erklärt sich

**Mitgründer Nicolas Brusson über die Ziele von BlablaCar:

Zum einen kann man ja ein Transport-Netzwerk für Menschen aufbauen. […] Darauf kann man aber viele andere Sachen aufsetzen. Warentransport zum Beispiel oder auch Versicherungsprodukte. Aber wir bauen auch eine „Trusted Community“ auf, die sich durch Informationen und Ratings der Nutzer auszeichnet. Wir sind das einzige Netzwerk, bei dem die Mitglieder teilweise stundenlang auf engstem Raum nebeneinandersitzen. […]

Wir bauen ein Vertrauens-Netzwerk auf. […] Man muss sich einmal vorstellen, wie viel wir über eine Person aussagen können, wenn 100 Leute ihre Bewertung abgegeben haben, nachdem sie alle stundenlang zusammengesessen haben. In fünf bis zehn Jahren können wir andere Dienstleistungen auf diesen Informationen aufbauen. […]

Da kann man sich ja vieles vorstellen. Wir könnten sogar ein „Enabler“ für andere Startups werden und ein soziales Login ermöglichen. Nur eben mit persönlicheren, auf Peer-2-Peer-Bewertungen basierenden Informationen, die Facebook oder Google so nie bekommen können.

> Zum Artikel: Warum hinter BlaBlaCar etwas anderes steckt, als viele glauben


Alternativen zu BlaBlaCar:

Mitfahrer-Suchmaschinen:


UPDATE: Die Presse greift den Facebook-Shitstorm auf:



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