Das Brautkleid

Meine liebste Freundin träumt davon, für einen Tag Prinzessin zu sein und in einem imposanten Kleid zum Traualtar zu schreiten. Ich meinerseits bekomme Gänsehaut, wenn ich nur an eine Kirche denke und wüsste wahrlich nicht, warum ich mich irgendwo in einem weißen Fummel aus Tüll und Spitze blicken lassen sollte.

Nun ja, um Gottesdienst & Co kommt man ja heutzutage leicht herum, aber das Kleid? Anscheinend ist es der heimliche Traum jeder Frau, ein einziges Mal im Leben in so einem Teil zu stecken und ich kam mir unangenehm unnormal vor.

Nachdem ich mir im Fernsehen zahlreiche Das-perfekte-Brautkleid-Sendungen angesehen hatte und hunderte von Frauen fast dabei kollabierten, als sie sich das erste Mal im Spiegel sahen, beschloss ich, mich mal nicht anzustellen und der Sache eine Chance zu geben. Ich ging also mit Walther (schwul, geschmackvoll und kein Fan von Hochzeiten) zu einem Brautausstatter.

Die Inhaberin begrüßte mich überschwenglich mit „Hälloooho! Sie suchen BESTIMMT ein ganz besonderes Kleid!“ Ich hatte Walther versprochen, keine unflätigen Bemerkungen zu machen und nickte ergeben.

Marie, so hieß die Brautkleid-Fee, begutachtete mich von oben bis unten und da ich keine besonderen Wünsche hatte, schleppte sie einfach eine Auswahl für mich herbei und mich mit derselbigen in die größte Umkleidekabine, die ich je gesehen habe.

Modell #1 war das allseits beliebte, schulterfreie Prinzessinnenkleid:

Der große Vorteil daran: Man kann unter dem Rock unglaublich viel verbergen, z. B. ein paar Flachmänner, nervende Kinder und notfalls auch den Ehemann. Der Nachteil: Das Ding wiegt 100 kg und man muss etwa 2 Meter Abstand zu allem halten. Moment, sagte ich Nachteil? 😉

Walther suchte bei meinem Anblick unauffällig nach einem Taschentuch (wozu hatte ich den nochmal mitgenommen?) und ich sagte der verzückten Marie, dass ich nie schulterfrei herumlaufe und bei meiner Hochzeit auch nicht damit anfangen werde. Und nein, ich will keine nachträglich angenähten Ärmelchen, auch nicht aus Spitze. Bäm, auf zu Runde 2.

Modell #2: Das Meerjungfrauenkleid

War mir schon vorher klar, dass mir das nicht erspart bleibt: Ich bin groß und habe Kurven, also bietet es sich an und ich muss zugeben, dass ich mich wesentlich wohler fühlte: Das Kleid hatte Träger, einen hübschen Ausschnitt, eine Erfindung namens „Tattoo-Spitze“ und machte einen echt schlanken Fuß.

Walther seufzte ergriffen und rief „Das ist es, das ist DEIN Kleid!“ Marie warf begeistert die Hände gen Himmel und setzte mir ein Diadem plus Schleier aufs Haupt. Ich meinerseits sah in den Spiegel und stellte fest: Tatsächlich. Ich sehe aus wie eine Braut. Und ich sehe verdammt gut dabei aus!

Etwa 30 Sekunden später bekam ich Atemnot und das Kleid fühlte sich viel zu eng an. Marie gab sich alle Mühe, mich in Rekordtempo wieder aus dem Gewand zu holen und ich hatte das starke Gefühl, dass eine Panikattacke im Anflug ist.

Walther hyperventilierte vor Schreck ebenfalls wenig hilfreich (wozu hatte ich den nochmal mitgenommen?)  und rief nach Prosecco. Marie hatte alle Hände voll damit zu tun, uns wieder aufzupäppeln und stellte dann fachmännisch fest, dass ich innerlich vielleicht noch nicht ganz bereit für den großen Auftritt in der großen Brautrobe wäre.

Und damit – und noch mehr – hat sie sicher recht.

 

 

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